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Immuntherapie gegen Krebs

Im Kampf gegen Tumore setzen Ärzte auf das Immunsystem der Erkrankten. Neue Immuntherapeutika sollen es gegen Krebszellen aufstacheln. Das birgt Chancen und Risiken
von Kai Kupferschmidt, 13.02.2017

Das Immunsystem in Aktion: T-Zellen (grün), B-Zelle (gelb) und Antikörper attackieren den Tumor (pink)

W&B/Szczesny

Der zweite Patient, den Ulrich Keilholz mit dem neuen Medikament behandelte, schien ein aussichtsloser Fall: ein 54 Jahre alter Mann, dessen Hautkrebs breit gestreut hatte. Die Tumorzellen wucherten auf der Leber, im Gehirn, auch die Lymphknoten in den Achseln waren befallen. "Normalerweise hätte man da eine Chemotherapie gemacht und noch zwei oder drei Monate Lebenszeit erwartet", sagt Professor Keilholz, der am Berliner Uniklinikum Charité das "Comprehensive ­Cancer Center" leitet.

Stattdessen erhielt der Pa­tient im Rahmen einer Studie ein neues Arzneimittel namens Ipilimumab. Sechs Wochen später sei er wieder zu Hause gewesen und ­habe dann noch mehr als fünf Jahre gelebt, ­berichtet Keilholz. "Da merkt man: Okay, hier passiert irgendetwas ganz Neues."

Medikamente aktivieren das Immunsystem

Ipilimumab gehört zu den sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, einer jungen Klasse von Krebsmedikamenten, die es ermöglichen, die Abwehrkräfte des eigenen Körpers gegen die Tumorzellen zu richten. Hilfe zur Selbst­hilfe gewissermaßen:


Fast jeder Arzt, der diese neuen Arzneimittel anwendet, hat ähnliche Geschichten zu erzählen wie Keilholz: Patienten, deren Tumore wegschmelzen, schwer kranke Menschen, die Jahre länger leben als erwartet. Professor Dirk Jäger, Arzt und Wissenschaftler am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen: "Die harten Daten, die wir sehen, zeigen in vielen ­­Situationen einen signifikanten Vorteil für die Immuntherapie."

Doch die neuen Wirkstoffe sind keine Wundermittel. Viele Menschen sprechen nicht auf sie an. Manche Patienten leiden unter schweren Nebenwirkungen. Auch Todesfälle gab es. Und die Medikamente kosten ein Vermögen.

Zusätzlicher Angriffspunkt in der Krebsbehandlung

Trotzdem erzielten die Checkpoint-Inhibitoren bereits erste Erfolge und haben sich einen festen Platz in der Krebsbehandlung erobert – in der Immuntherapie, von der Mediziner schon so lange träumen.

Jahrelang bekämpften Ärzte Tumore mit Skalpell, Strahlen und Chemotherapie. In den vergangenen Jahren kamen als vierte Möglichkeit Medikamente hinzu, die ­gezielt die Eigenarten bestimmter Tumore angreifen. "Die Immuntherapie bildet jetzt die fünfte Waffe", sagt Keilholz. "Das ist schon eine Revolution."

Medikamente entriegeln "Bremsen" des Immunsystems

Die Idee, die Abwehrkräfte des Körpers gegen Krebszellen zu richten, ist nicht neu. Doch bis vor Kurzem waren alle Anstrengungen vergebens. Der Grund dafür liegt in den Sicherheitskontrollen des Immunsystems selbst. Unsere Abwehr soll zwar fremde Bakterien, Viren oder Parasiten ­töten – aber nicht die eigenen Zellen angreifen. Darum tragen viele Zellen auf ihrer Oberfläche Moleküle, die dem Immunsystem signalisieren: Ich bin Freund, nicht Feind.


Weil auch Krebszellen aus körpereigenen Zellen hervorgehen, scheiterten frühe Versuche, das Immunsystem gegen Tumore zu aktivieren. Keilholz: "Jede Stimulation wurde wieder abgefangen." Als ob die Wissenschaftler Gas geben wollten, aber die Körperabwehr sofort aufs Bremspedal trat.

Der Durchbruch kam, als Forscher begannen, die Bremsen besser zu verstehen. Und Wege fanden, diese Mechanismen außer Kraft zu setzen (siehe Bildergalerie). Der Erste, der das probierte, war der texanische Krebs­forscher Professor James Allison. Er untersuchte eine Bremse namens CTLA-4. Dieses Molekül arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie das gezeigte PD-1.

Konzerne verschlafen Lichtblick

1996 präsentierte Allison erste Ergebnisse: Antikörper, die CTLA-4 blockieren, ließen Tumore in Mäusen schrumpfen. Doch große Firmen waren skeptisch. Ein kleines Biotechnologieunternehmen begann schließlich, die Therapie für Menschen zu entwickeln – und wurde inzwischen von einem Pharmariesen gekauft. Für zwei Milliarden Dollar.

2010 veröffentlichten dessen Forscher erste Ergebnisse: Menschen mit metastasiertem Hautkrebs (Melanom), die mit dem Antikörper Ipilimumab behandelt wurden, lebten dreieinhalb Monate länger als Betroffene, die das Mittel nicht erhielten. Es war die erste Therapie überhaupt, die das Leben solcher Patienten verlängerte. Noch erstaunlicher: Fast jeder fünfte überlebte länger als zwei Jahre. Ohne das Medikament schaffte dies nur jeder 20. Patient.

Es war das Signal, auf das Wissenschaftler und Mediziner gewartet hat­ten. 2011 wurde Ipilimumab in den USA zugelassen. Zahlreiche Pharmafirmen begannen an ähnlichen Mitteln zu arbeiten. Immer mehr viel­versprechende Ergebnisse wurden veröffentlicht. 2013 wählte das Fachmagazin Science die Krebs­immun­therapie zum Durchbruch des Jahres.


Immunsystem kann außer Kontrolle geraten

Sie ist allerdings nicht ohne Risiken. Schließlich hat im Laufe der Evolu­tion das Immunsystem aus gutem Grund Bremsen entwickelt. Ohne sie steigt die Gefahr, dass die Abwehr außer Kontrolle gerät – und gesunde Zellen ebenso angreift wie Tumore.

Genau das sind die Nebenwirkungen, die Ärzte beobachten: Das Immunsystem attackiert etwa die Haut, den Darm oder die Lunge. Folgen: schwere Ausschläge, Durchfall und andere Leiden. In seltenen Fällen wird die Hirnanhangsdrüse zerstört, die wichtige Hormone bildet. "Da muss man lebenslang auf eine Ersatzhormontherapie zurückgreifen, das ist schon schwerwiegend", sagt Dr. Patrick Schmidt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Sogar einige Todesfälle gab es.

Zusätzliche Strategie: Behandlung der Nebenwirkungen

Man habe lernen müssen, mit den Nebenwirkungen umzugehen, erklärt Keilholz. Inzwischen sei klar, dass sich viele davon behandeln lassen – ohne den Effekt gegen Krebs zu gefährden. Und die Medikamente, die PD-1 blockieren, sind offenbar besser verträglich als die zuerst erprobten Antikörper gegen CTLA-4. "Richtig gefährliche, nicht therapierbare Nebenwirkungen sind selten", sagt Jäger. "Man braucht aber viel Erfahrung, um sie früh zu erkennen und erfolgreich therapieren zu können."

Hinzu kommt das finanzielle Problem. Die PD-1-Therapie kostet laut Jäger etwa 10 000 bis 12 000 Euro im Monat. Das sei "unverschämt teuer", findet Experte Keilholz. "Da muss jetzt eine Korrektur einsetzen, und da kann auch eine Korrektur einsetzen. Denn die Entwicklungskosten sind natürlich bei der Breite des Erfolgs schnell wieder drin."


Noch ist das Anwendungsgebiet der Präparate schmal, bislang werden sie bei schwarzem Hautkrebs und Lungenkrebs eingesetzt. Doch es laufen zahlreiche Studien zur Behandlung anderer Krebsarten, darunter Blasen- und Nierenkrebs sowie Tumore in Hals, Mund, Nase. Wissenschaftler und Ärzte warten gespannt auf die Ergebnisse. Nicht jede Krebsart spricht gleich gut auf die neue Behandlung an. Denn die aktivierten Immunzellen spüren nicht alle Tumore gleich gut im Körper auf.

Als Kombination noch effektiver

So können Mediziner inzwischen jedem zweiten Hautkrebspatienten mit der Immuntherapie helfen. Dagegen spricht nur etwa jeder fünfte Patient mit Blasenkrebs darauf an. Jäger: "Die Strategie muss sein, die Menschen besser vorab zu identifizieren, die wahrscheinlich profitieren werden." Das könnte auch helfen, die Behandlung so zu variieren, dass noch mehr Krebskranke einen Nutzen haben.

Im Moment untersuchen Forscher vor allem die Verknüpfung mit anderen Methoden. Die Kombination aus Immun- und Chemotherapie war kürzlich ein Thema auf dem Europä­ischen Krebskongress. "Das hat erstaunlich viel besser gewirkt", sagt Keilholz. "Wir werden mehr und mehr Kombinationstherapien sehen, die noch weit effektiver sein werden", glaubt auch Jäger. Die Landschaft in der Onkologie werde sich erheblich und rasant verändern.
Ärzte verfügen über eine fünfte Waffe gegen Krebs. Jetzt lernen sie, damit umzugehen.




Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Szczesny

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